Leseprobe 1: Brief aus Erdmannsdorf in Schlesien

Brief von Friedrich Wilhelm IV./Fritz  an seine Gemahlin Elise:

 

Bl. 11                                                                     Erdmannsdorff [1]25 Septbr. 1841 ½ 11 Uhr Nachts

Der Sommer ist wiedergekehrt, Du mein Einziglieb u. man athmet mit Wonne die Luft unsres herrlichen Thales. Aber wie geht’s Dir, Du Geliebteste? Bist Du schon in Betteken zu Regensburg? Hast Du die Leopoldine [2] u. die Nannel zu Köffring gesehen u. dort gespeist? Ach Alles das sind Fragen in den Wind u. schnüren mein Herz zusammen. Gestern bin ich um 12 Uhr zu Bett u. habe wenig geschlafen. 3 Uhr hab’ ich noch schlagen hören! ...



[1] König Friedrich Wilhelm III. hatte 1832 in Erdmannsdorf in Schlesien zwischen Riesengebirge und Landeshuter Kamm ein Anwesen gekauft und ein Schloss für die Sommeraufenthalte der Familie gebaut. An diesen idyllischen Ort an Lomnitz und Bober, 8 km südlich von Hirschberg, kam auch häufig die Tochter Charlotte mit der russischen Verwandtschaft. Fischbach lag ganz in der Nähe am Fuß des Landeshuter Kamms. (Das Schloss von Erdmannsdorf war bis 1909 im Besitz der Hohenzollern. Heute gehören sowohl Fischbach auch als Buchwald als Teilorte zu Erdmannsdorf. Dieses liegt nun im südwestlichen Polen und heißt Myslakowice. Im ehemaligen Schloss ist heute eine Schule.)

[2] Leopoldine von Habsburg, die Witwe des Kurfürsten Max Theodor von Baiern.

Leseprobe 2 aus dem Kapitel 2.8.: ... Aufführung der Antigone

Brief von Friedrich Wilhelm/ Fritz an Elise vom 27ten Oktober 1841:

S. 77f.:

Onkel George ist aus Dresden angekommen nachdem er zu Leipzig u Berlin genächtigt. Er speiste mit seinem Fritz hier u hat heut Abend mit uns der Probe der Antigone im N[euen] Palais beygewohnt. Ich bin

Bl. 44

merkw: xxxxx durchbebt herausgekommen. Es ist xxxx xxxx grandiosesten Dinge die man hören kann. Hier theilt Sophocles u Mendelsohn-Bartoldy den Ruhm des Eindrucks en première ligue/ligne.[1] Aber auch die Acteurs machen ihre Sache recht gut.[2] Sind wir wohlbehalten zurück, dann laß ich’s Dir Du Liebe, in Charlottenburg aufführen. Es ist etwas Ungesehenes, ich möchte sagen Etwas was man noch nicht erfahren hat, worauf man noch nicht zu gekommen ist. Ich glaube, das war ein guter Gedanke von dem alten Esel et J’ai fait de la porte sous le savoir[3], denn jetzt erst hab’ ich erfahren, daß es wahrscheinlich seit 2000 Jahren niemand in den Kopf gekommen ist, die griech[ischen] Meisterwerke aufzuführen. Zur Römischen Kaiserzeit durfte noch daran gedacht werden, wegen der Vergeltung des Bösen welche in denselben durch  xxxx u späther war natürl[ich] keine Rede davon u es war auch das Verständniß des alten Theaters zu weit zurück, als man sich unter den Medizaeern u Louis XIV den Classischen  xxxx zuwandte. Der Eifer u die Liebe mit welchen Künstler u Ordner sich der Sache angenommen haben ist sehr lobenswerth. Die Einrichtung der Bühne, das weite vortreten des niederen Theils derselben mit der amphitheatral[ichen] Form des Saales macht einen eigenthüml[ichen] edeln [!] Eindruck.[4] Die 3 unteren Reihen der Sitze sind weggenommen um diesen Theil der Bühne, wo der Chor schaltet, Platz zu machen.[5]

Verzeih die scheußl[iche] Zeichnung des Grundrisses. Vielleicht begreifst Du die Wirtschaft aber doch so besser, als mit bloßen Worten. Ich lege das Chor-Buch bey. Der Chor an Bachus mit den 3 !!! ist für mich der Culminazionspunkt von Mendelsohns ergreifender Composizion. Ich fiel beynah vom Stuhl vor Entzücken u der Ergreifende der Situazion u der Schwung der Worte dieses Anrufs u Hülferufs b[e]y soviel heydnisch religiöser Haltung machte daß ich ganz in Transpirazion gerieth.[6]



[1] Der 1841 vom Königs FW IV zum Kgl. Kapellmeister Ernannte erhielt von ihm den Auftrag, die Musik zu Sophokles Drama Antigonezu schreiben. (opus 55). Mendelsohn beschränkte sich auf die Chorszenen der antiken Tragödie um die Tochter des Ödipus. Er setzte der Aufführung im antiken Versmaß nach Johann Christian Donner (1838) nur eine Ouvertüre voran. Bei der Szenenmusik wurde Ludwig Tieck von dem Getümmel modischer Blasinstrumente von der himmlischen Tröstung der Tragödie abgelenkt. (Senn, Rolf Th.: In Arkadien, FW IV. von Preußen, S. 281.) Der König ließ zum Dank und zur Erinnerung eine Medaille mit den Porträts von Ludwig Tieck und Felix Mendelsohn-Bartholdy prägen. Die Inszenierung der antiken Tragödie wurde in London, Paris, Athen und anderen Orten übernommen.

[2] Die Hauptrolle wurde von der Tragödin Auguste Crelinger, verwitwete Stich, geborene Düring (1795-1865) gespielt. ...

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